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Mixas Welt

Freitag, 19. Februar 2010 19:59

Ist der Sex in den Medien daran schuld, dass Kinder missbraucht werden? Das meint zumindest der Augsburger Bischof Walter Mixa. In einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen sagte er,  dass die “sogenannte sexuelle Revolution”  mitschuldig daran sei, wenn sexueller Kindesmissbrauch in der Gesellschaft verbreitet sei und weiter: “Wir haben in den letzten Jahrzehnten gerade in den Medien eine zunehmende Sexualisierung der Öffentlichkeit erlebt, die auch abnorme sexuelle Neigungen eher fördert als begrenzt.”  Unterstützt wird er dabei von der bayerischen Justizministerin Beate Merk (CSU), die sagte, selbstverständlich habe die Freizügigkeit dazu beigetragen, die Hemmschwelle zu senken. Ist das wirklich so? Haben die sexuelle Aufklärung und die Freizügigkeit in den Medien dazu geführt, dass immer mehr Kinder missbraucht werden? Werden überhaupt immer mehr Kinder sexuell missbraucht?

Der Bischof und die Ministerin sind hier wohl zu “Medienopfern” geworden: In den Medien wird seit einigen Jahren immer mehr und immer spektakulärer über sexuellen Missbrauch von Kindern in der Gesellschaft und nun auch in der Kirche berichtet. Und im Gegensatz zu früher steigen die “seriösen” Medien ebenfalls groß ein. Das heißt aber natürlich nicht einfach, dass sexueller Kindesmissbrauch stetig zunehmen würde und eine Art neues Phänomen sei. Das heißt zunächst, dass für die Medien deratige Themen im scharfen Konkurrenzkampf wichtiger geworden sind und stärker betont werden. Weiter hat wohl die öffentliche Thematisierung von Sexualität und deren Missbrauch dazu geführt, dass immer mehr Opfer ihre Fälle bekannt machen und Anzeige erstatten – somit die Dunkelziffer absinkt und sich sexueller Missbrauch auch in geschlossenen Welten wie der katholischen Kirche nur noch schwer verschweigen lässt.

Der sexuelle Missbrauch von Kindern hat – auch wenn die Medienberichterstattung eher das Gegenteil nahe legt – in den letzten Jahrzehnten aller Wahrscheinlichkeit nach eher ab- als zugenommen. So ging die Zahl der bei der Polizei angezeigten Fälle von Mitte der 1960er bis in die 1980er Jahre zurück. Danach stieg sie zwar an, bezieht man jedoch soziodemographische Entwicklungen mit ein – es gibt immer weniger Kinder – ist sie weiterhin rückläufig. Natürlich gibt und gab es hier eine enorme Dunkelziffer – darin sind sich alle Experten einig (vgl. dazu zum Beispiel einen im Internet zugängigen Aufsatz des Hamburger Wissenschaftlers Dirk Bange im Sammelband “Sexueller Missbrauch” hrsg. von Wilhelm Körner/Göttingen, Bern 2004). Geht man davon aus, dass es in den letzten Jahrzehnten aufgrund der öffentlichen Thematisierung von Sexualität und ihres Missbrauchs einfacher geworden ist, derartige Fälle zur Anzeige zu bringen, dürfte aber auch die Dunkelziffer kleiner geworden sein. Das verweist wiederum darauf, dass die Zahl der sexuellen Missbräuche von Kindern insgesamt zurückgeht.

Diese Entwicklung dürfte auch für die katholische Kirche gelten. Somit haben die “sexuelle Revolution” und die Medien wohl nicht dazu beigetragen, dass sexueller Kindesmissbrauch verbreitet ist, da es in den letzten Jahrzehnten keine ansteigende Tendenz in diesem Bereich gegeben hat. Was es tatsächlich gibt, ist ein Anstieg von sexueller Gewalt gegenüber Minderjährigen. Aber dafür dürften die Ursachen – wie immer – komplex sein und nicht auf die “sexuelle Revolution” zurückzuführen zu sein.

Thema: 2010, Allgemein | Kommentare (0) | Autor: Klaus Arnold